Aufbruch aus Tradition

Das Motto der Gesellschaft Aufbruch aus Tradition ist sowohl brisant als auch vielschichtig. Ihr Initiator und erster Obmann Wilhelm Löhe (1808 – 1872), der geradezu legendäre Dorfpfarrer von Neuendettelsau, hat nicht nur Diakonie und Mission in Bayern erweckt, sondern wird auch, mit gutem Grund, als ein Vater des Weltluthertums angesehen. Hätte man ihm eine Kürzung des Namens seiner Gesellschaft, etwa um das langatmige im Sinne der lutherischen Kirche, empfohlen, hätte er zornig den Kopf geschüttelt. Er hätte einen spüren lassen, dass man nicht einmal von ferne verstanden hat, worum es ging. Löhe war überzeugt, dass es richtige Lehre gibt: Unter allen Spielarten christlicher Lehre existiert eine Konfession, deren Bekenntnis Gottes Wort im wesentlichen trifft und unverfälscht und ungemindert bezeugt. Es ist das der Bibel entnommene und den springenden Punkt in ihr formulierende Bekenntnis der lutherischen Kirche.

Die fast vergessenen lutherischen Bekenntnisschriften verdienen es, wiederentdeckt, gelesen, besprochen und beherzigt zu werden. Diese Tradition des lutherischen Bekenntnisses ist es wert, bewahrt und in die Zukunft weitervermittelt zu werden. Wegen ihres schriftgemäßen Bekenntnisses ist die lutherische Kirche unter allen Kirchen die beste, ja, trotz aller historischen Unansehnlichkeit‚ die wahre. Daher sind ein Aufbruch aus der Bekenntnisvergessenheit und eine Umkehr zum Ursprung der Reformation geboten. Sonst wird die Kirche zum Wetterhahn, der sich nach dem Wind dreht und heute feministisch, gestern sozialistisch, vorgestern nationalsozialistisch und wer weiß wie morgen kräht.

„Aufbruch aus Tradition kann keinesfalls bedeuten, dass Luthers Thesen oder das Augsburger Bekenntnis oder sogar die Bibel, zumindest unzeitgemäße Teile in ihr, beiseitegelegt werden. Das „Gebot der Stunde – jeder Stunde – ist es vielmehr, in der schon von den biblischen Propheten und Johannes dem Täufer formulierten Tradition der Umkehr zu Gottes Wort zu verharren. Diese Tradition ist jederzeit aktuell. „Im Sinne der lutherischen Kirche kann es nur um

diesen Aufbruch gehen. Dabei lässt man sowohl die selbstgerechte Behäbigkeit des Sitzenbleibens auf dem, was immer, überall und von allen angenommen wurde, als auch die Flatterhaftigkeit fortwährender Neuerung hinter sich. Mit dem römischen Traditionalismus des Beharrens auf irreformablen, unkorrigierbaren Festlegungen der Vergangenheit hat diese Tradition des Aufbruchs wenig gemein. Sie leitet vielmehr zu fortgesetzter Rückfrage nach Zuspruch und Weisung des lebendigen Gottes an. Die lutherische Kirche ist darin die wahre, dass sie ständig in diesem Aufbruch zur Umkehr begriffen ist. Gottes Wort als Gesetz und Evangelium reißt sie in den Strudel der Verurteilung und des Freispruchs durch Christus. Daher kann sie sich nie selbstgerecht in ihrer eigenen Tradition zur Ruhe setzen; genausowenig kann sie aber dem sie ständig rufenden und begleitenden Wort Gottes entkommen.

Das Motto Aufbruch aus Tradition meint also das Festhalten an der protestantischen Tradition fortgesetzter Selbstkritik in der ständigen Umkehr zu Christus. Sie ist gerade darin, dass sie nicht vom Fleck kommt, sondern vor Gott ausharrt, überdauert (Mt 24,35) und alles neu macht (Offb 21,5), das Fortschrittlichste, was die Welt kennt bzw. nicht kennt; denn Gottes Wort hat die Welt geschaffen. Die reformatorische Tradition des Hörens auf das Wort des lebendigen Gottes ist eine traditionskritische Tradition. Es genügt nicht, eine korrekte, richtige Lehre festzuhalten;  ebensowenig ist damit gewonnen, sie, dem sich wandelnden Zeitgeist folgend, in Zweifel zu ziehen. Es kommt vielmehr auf eine alle Lebensbereiche ergreifende Umkehr der Personen an. Das in der Taufe erweckte neue, wiedergeborene Leben muss im praktischen Verhalten des täglichen Lebens zum Vorschein kommen. Die in der Absolution zugesprochene Befreiung von Sünde muss sich auswirken. Und die im Abendmahl zugeteilte Gerechtigkeit Christi wird sich zeigen. Die Tradition reiner lutherischer Lehre erfordert also einen Aufbruch aus der nachlässigen Weltangepaßtheit der Lebensweise. Lutherische Christen sollen – und dürfen – im täglichen Leben Ernst machen mit dem, was sie glauben. Heute sieht die Gesellschaft, dass im Sinne der lutherischen Kirche, sowohl was die Lehre, als auch was das Leben betrifft, ein Aufbruch zur Umkehr nicht mehr aufschiebbar ist. Aufbruch aus Tradition ist überfällig.

Wolfhart Schlichting